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Radikale Humanität

Rückblick auf das Engagement für Flüchtlinge in Brandenburg

Unterstützung von Flüchtlingen in den Kleinstädten Brandenburgs – wie lief das ab, wer waren die Menschen, die sich engagierten, was waren ihre Erfahrungen? Im Juli 2006 führte Kay Wendel vom Flüchtlingsrat Brandenburg ein längeres Interview mit Silke Ebner aus Döberitz im Landkreis Havelland. Silke Ebner, eine konfessionslose, aber kirchlich aktive Frau, engagierte sich seit Anfang der 90-er Jahre im Raum Rathenow für Flüchtlinge. Ihre Erfahrungen sind es wert, festgehalten zu werden, sagen sie doch viel über die gesellschaftlichen Bedingungen von Flüchtlingsunterstützung in Brandenburg aus: über die Motive und Lernprozesse der MitstreiterInnen, die Stärke und Beschränktheit der Kirche, der Problematik »professioneller« NGOs wie der RAA, der Rolle von Heimleitungen zwischen Unterstützung und Kontrolle – kurz, das Interview erlaubt einen Einblick in den Zustand der Zivilgesellschaft im ländlichen Brandenburg.

Außerdem wird das breite Spektrum der Aktivitäten deutlich – von Kinderfreizeiten über Tauschaktionen für Wertgutscheine bis hin zu Protestaktionen gegen Abschiebungen. Alle diese Aktivitäten haben ihren Platz, ist doch die soziale Unterstützung die Grundlage für weiter gehende politische Kämpfe. Sichtbar wird auch die große Unterschiedlichkeit der Flüchtlinge selbst, eine Bandbreite von politischen Aktivisten, die Kampferfahrungen schon aus ihren Heimatländern mitbringen, bis hin zu Resignierten, die eine passiv-fordernde Haltung einnehmen. Solche Unterschiede sich bewusst zu machen und dennoch vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, die auf gegenseitiger Anerkennung beruhen, das genau ist die Aufgabe von UnterstützerInnen, wenn die Selbstorganisation der Flüchtlinge ernst genommen werden soll. Es ist zu hoffen, dass der Zyklus der Flüchtlingsunterstützung durch engagierte BürgerInnen nicht gänzlich vorüber ist, dass sich auch in Zukunft noch Menschen zusammenfinden. Silke Ebner steht dafür als ein Beispiel.

Die Anfänge

Silke Ebners Engagement für Flüchtlinge begann 1992, zur Zeit der brennenden Asylbewerberheime, zur Zeit der Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Im Februar oder März 1992 fuhr eine Gruppe aus Döberitz und Premnitz zum ersten Mal in das ehemalige ZFK-Lager, das zum Übergangsheim für Flüchtlinge umfunktioniert wurde. Der Kreis bestand aus sieben bis acht Personen, Evangelen, Katholiken und Konfessionslose gemischt. Initiiert wurde diese Aktivität von zwei kirchlichen Mitarbeitern. Die Pastoren unterstützten das nicht aktiv, der Kreis wurde jedoch auf Kirchenebene autorisiert. Vom Gemeindekirchenrat wurden zwei AnsprechpartnerInnen für Flüchtlinge eingesetzt. Diese offizielle Autorisierung der Arbeit war wichtig und wurde auch noch aufrecht erhalten, als die beiden Ansprechpartner diese Aufgabe nicht mehr wahrnehmen konnten oder wollten. Im Gemeindebrief wurden die monatlichen Besuche in Heidefeld angekündigt.

Der erste Besuch im Heim

Der erste Kontakt mit Flüchtlingen lief so ab, dass die Mitglieder mit Kaffee und Kuchen ankamen, eine Kirchenfrau hatte ihre Gitarre dabei. Beim Singen brach das Eis. Die Fahrten ins Heim wurden von da an einmal im Monat gemacht. Der Kreis bröckelte jedoch ab. Einige Mitglieder fingen an, schlecht über die Flüchtlinge zu sprechen. Sie hätten ein zu leichtes Leben, würden von »unseren« Geldern leben, es seien zu viele, die in unser Land kommen etc.

Zum Jahreswechsel 1993/94 mussten die Flüchtlinge aus den Baracken zunächst in den Birkenweg nach Rathenow umziehen, später nach Heidefeld. Die äußeren Bedingungen in Heidefeld bei Mögelin waren günstiger: dort gab es einen großen Gemeinschaftsraum, den »Kindergarten«, wo sich tagsüber die Frauen mit den Kindern und abends besonders die Afrikaner zum Musikmachen trafen. Dieser Raum konnte für die Treffen genutzt werden konnte, während man sich im Birkenweg nur in den Wohnungen der Flüchtlinge treffen konnte.

Andere Deutsche

Die Arbeit nahm Konturen an: Während die Treffen anfangs nur aus miteinander Reden bestanden, wuchs nun das Bedürfnis, dass eine konkrete Hilfe geleistet würde. Silke Ebners Motivation war immer zu zeigen, dass es andere Deutsche gab, nicht nur jene, die Flüchtlingsheime anzünden, sondern im Gegenteil welche, die Flüchtlingen helfen, die ihnen bei der Lösung konkreter Probleme helfen. Die Frauengruppe entschied sich für eine Arbeit mit Flüchtlingskindern.

Manchmal gaben Silke Ebner und Christine Z. auch privat Geld für Flüchtlinge, so z.B., damit ein Roma-Mädchen einen Tenniskurs machen konnte. Als die Rom-Familie nach Rumänien ausgewiesen wurde, sammelten sie Spenden, damit sich die Familie ein Auto und einen Autoanhänger kaufen konnte. Die Kirche stand die ganze Zeit hinter diesen Aktivitäten der Frauengruppe. Ein Höhepunkt war, als Marianne F., ein besonders aktives Mitglied, die Patenschaft für das zehnte Kind der Roma-Familie übernahm, das in der Kirche getauft wurde.

In Rivalitäten der Flüchtlinge hineingezogen

Allerdings wurden Silke Ebner und Christine Z., mit der sie am engsten zusammenarbeitete, beim ersten Mal, als sie in Heidefeld waren, die Reifen ihres VW-Buses auf dem Gelände des Flüchtlingsheims zerstochen. Der Grund lag wahrscheinlich darin, dass sie zu diesem Zeitpunkt einen engen Kontakt mit dieser Roma-Familie hatten, die bei anderen HeimbewohnerInnen unbeliebt war und in Fehde mit anderen lebte. Sie waren mit dieser Familie identifiziert worden, nicht mit ihrer Arbeit für alle HeimbewohnerInnen.

Um die Arbeit und das Engagement allen zugänglich zu machen, wurden ab diesem Zeitpunkt Plakate gemacht, auf dem jedes Mal ihr Kommen angekündigt wurde. Seitdem wurde der Kreis von den Flüchtlingen nur als »die Kirchenfrauen« bezeichnet, dieser Name wurde von den ca. fünf bis sechs Beteiligten dann auch mit übernommen

Abschiebung als Schock

1997/1998 hatten sie viel mit albanischen Frauen aus dem Kosovo zu tun, mit einer jungen Frau und ihrer fünfjährigen Tochter, der Schwägerin und ein oder zwei Großmüttern. Die junge Frau hatte noch Kraft zu kämpfen, ihre Schwägerin jedoch war traumatisiert. Sie sprach nicht mehr, was den SozialarbeiterInnen im Heim vermutlich jedoch nicht auffiel. Die Familie wurde abgeschoben, auch der Kirchenkreis konnte nicht helfen. Diese Abschiebung war wie ein Schock für den Kirchenkreis. Als Reaktion stiegen manche aus, u.a. die Initiatorin dieser Begegnungen.

Engagement für Flüchtlingskinder

Silke Ebner und Christine Z. zogen die Konsequenz, sich auf die praktische Hilfe für die Flüchtlingskinder zu konzentrieren – und wenn es unbedingt notwendig war, Flüchtlinge bei Behördengängen zu begleiten. Einmal im Monat machten sie etwas mit den Kindern: Drachen steigen lassen, Adventsfeier, Nikolausfeier. Es kamen auch wieder andere Frauen dazu, die sich so engagieren wollten, interessanterweise oft Frauen mit mehreren Kindern. Silke Ebner hatte vier Kinder, andere noch mehr. Wichtig war die Mitarbeit einer ehemaligen Kindergärtnerin, Ada Henschel, die ca. 65 Jahre war und viele Ideen in die Arbeit mit Kindern einbrachte. Die Zusammenarbeit mit Angelika Krieg, die die RAA Rathenow aufgebaut hatte, lief zu dieser Zeit recht gut.

Kooperation mit der Heimleitung

Marianne F. vertrat immer die Auffassung, dass eine Verständigung mit der Heimleitung wichtig sei. Im Heim seien sie Gäste, sie brauchen die Erlaubnis der Heimleitung. Ein Zeichen für die Zusammenarbeit, die in Heidefeld am Ende gut klappte, war, dass der Zettel mit der Ankündigung des Besuchs immer aufgehängt wurde. Der zweite Heimleiter sollte anders sein, dazu später mehr. Der Hausmeister in Heidefeld war anfangs sehr unfreundlich. Einmal machte er die Frauen dafür an, dass sie mit ihren Autos die Einfahrt blockieren würden. Später, im Jahr 2001, engagierte sich derselbe Mann für die Flüchtlinge. Er hatte besonders gute Kontakte zu den VietnamesInnen aufgebaut.

In Heidefeld gab es eine Sozialarbeiterin, Frau Konrad, die Englisch und Französisch sprach und sehr engagiert war. Der damalige Heimleiter sprach keine Fremdsprachen, hatte sich aber ein Netzwerk von Dolmetschern und Ansprechpersonen aufgebaut, so dass z.B. alle Informationen der Heimleitung in verschiedene Sprachen übersetzt wurden.

Die Paternalismus-Falle

Mit anderen Mitgliedern des Kirchenkreises gab es manchmal Konflikte. Silke Ebner kritisierte offen, dass sich manche Mitglieder paternalistisch zu den Flüchtlingen verhielten. Als Reaktion auf die Kritik blieben manche weg. Silke Ebner vertrat ihre Ansichten recht selbstbewusst, was von anderen als eigensinnig wahrgenommen wurde. Sie wollte nicht, dass die Flüchtlinge wie Bettler oder Almosenempfänger behandelt würden. Ein Beispiel: Einige Mitglieder reagierten beleidigt, als sie sahen, dass Flüchtlinge aus den abgetragenen Kleidungsstücken, die sie ihnen mitgebracht hatten, auswählten. Sie empfanden das als undankbar.

1998 hatte Silke Ebner eine SAM-Stelle als Freizeitbetreuerin in einem Kindergarten in Döberitz, über die Arbeiterwohlfahrt. Ihr gelang es, die Arbeit im Kindergarten in Döberitz mit der Arbeit mit den Flüchtlingskindern miteinander zu verbinden. Z.B. wurden gemeinsame Feste zu Fasching und Weihnachten organisiert, gemeinsame Theaterfahrten nach Stendal, es wurde gemeinsam gekocht und gebastelt. Unterstützung leistete die Sozialarbeiterin Frau Konrad, die auf die gemeinsame Weihnachtsfeier kam. Auch die anderen SozialarbeiterInnen im Heim Heidefeld erkannten die Arbeit der Kirchenfrauen an und leisteten Unterstützung, so wurden für die Ausflüge Urlaubsscheine organisiert.

Silke Ebner hatte eine besondere Beziehung zu Gabriele Steidl, der Ausländerbeauftragten des Landkreises seit etwa Mitte der 90-er Jahre. Gabriele Steidl war im Jahr 1982 Silke Ebners Ausbildungsleiterin im Chemiefaserwerk gewesen. So konnten viele Projekte mit moralischer und finanzieller Unterstützung seitens der Ausländerbeauftragten durchgeführt werden. Das Geld für die Fahrkosten der Flüchtlingskinder wurde zum Teil von der Ausländerbeauftragten zugeschossen.

1999 gab es in Heidefeld einen Betreiberwechsel. Der neue Heimleiter setzte sich mit den Kirchenfrauen zusammen und sprach sehr offen über Kooperationsmöglichkeiten, was die Kirchenfrauen sehr beeindruckte. Er verfolgte das Ziel, den Flüchtlingen, die gezwungen sind, unter schwierigen Bedingungen zu leben, das Leben so angenehm wir möglich zu machen.

Umbrüche in Heidefeld und Birkenweg

Auch im Birkenweg gab es 1999 einen Betreiberwechsel. Dem bisherigen Heimleiter, von allen »Papa« genannt, wurden kriminelle Geschäfte angelastet, er wurde beurlaubt und Bärbel Pagel eingesetzt. Eine Reihe von HeimbewohnerInnen protestierte gegen die Entlassung von »Papa«. Zu dieser Zeit gab es kaum Kontakte der Kirchenfrauen nach Rathenow; der Rathenower Kreis war völlig getrennt vom Döberitzer/Premnitzer Kreis.

Toleranz-Wettbewerb

Seit 1998 war Silke Ebner Mitglied im Landeselternrat (LER). In diesem Jahr gab es eine Auseinandersetzung von Brandenburger mit Berliner SchülerInnen am Werbellinsee. Die Brandenburger SchülerInnen beleidigten die Berliner rassistisch, die Polizei schritt ein, in der Presse wurde der Skandal behandelt, unter dem Aspekt »Brandenburger sind nicht tolerant«. Die damalige Bildungsministerin trat auf den LER zu und schlug eine gemeinsame Presseerklärung vor, was der LER aber ablehnte. Stattdessen organisierte der LER, maßgeblich vier Mitglieder und Silke Ebner, einen Wettbewerb unter Brandenburger Schulen, Motto: »Brandenburger sind tolerant«. Sally Heywood, eine Künstlerin aus England, erhielt eine bezahlte Stelle für die Organisation des Wettbewerbs, im Sommer 1999 war die Abschlussfeier mit der Preisverleihung. Die Ergebnisse waren sehenswert, sie umfassten einen erweiterten Toleranzbegriff, es ging auch um den Umgang mit behinderten und älteren Menschen. Einer der Preisträger war der Freizeittreff in Döberitz, die Arbeitsstelle von Silke Ebner, in dem sie gemeinsame Aktivitäten von deutschen und Flüchtlingskindern organisiert hatte.

Ein weiterer Preisträger war die Schule in Rathenow-Ost, wo die RAA einen Afrika-Tag organisiert hatte. Der Preis sollte eine Fahrt der Kinder zum Werbellinsee sein. Aus dem Döberitzer Freizeittreff kamen mehr Flüchtlingskinder als deutsche Kinder mit, da sich manche deutsche Eltern gegen die Fahrt stellten. Zu dieser Zeit war in der RAA Rathenow Angelika Krieg aktiv, noch nicht Thomas Otto. Silke Ebner fragte bei der RAA an, ob auch die afrikanische Musikgruppe zum Werbellinsee mitfährt, für einen musikalischen Auftritt. Das wurde aus Termingründen abgesagt. Die Musikgruppe, in der Sidiki Coker aktiv war, wurde über den Preis nicht informiert, der ja auch ihr Preis war, gemeinsam mit der Grundschule RN-Ost. Dieses Verhalten dürfte ein bezeichnendes Licht auf die RAA werfen.

Afrikaner als Beiwerk

Die Ergebnisse des Wettbewerbs sollten in einer Serie von Ausstellungen gezeigt werden, die erste in Nauen. Für Sally Heywood war diese erste Ausstellung das Ende ihres Vertrags. Die weiteren Ausstellungen sollten nun von LER-Mitgliedern organisiert werden. Der zweite Veranstaltungsort war die Arche in Premnitz. Die Musikgruppe der RAA spielte zur Eröffnung in Nauen. Geplant war, dass die Musikgruppe der RAA, »Ella vagnon«, zur Eröffnung in Premnitz auch spielen sollte. Am Eröffnungsabend jedoch weigerten sich die Musiker von »Ella vagnon« zu spielen: »Brandenburg sei nicht tolerant«.

Die Vorgeschichte war, dass sich die Musiker bei der Veranstaltung in Nauen nur wie kulturelles Beiwerk behandelt fühlten, und dass, obwohl sie die Preisträger waren.

Zur Eröffnung in Premnitz streikten die Musiker, bis auf Sidiki Coker war die ständige Besetzung der Musikgruppe nicht mitgekommen. Die RAA hatte andere Afrikaner gefunden, die bereit waren, gegen Bezahlung aufzutreten. Über diese Vorgeschichte hatte die RAA den Veranstaltern des LER jedoch nicht informiert. Auch hatte es die RAA versäumt, den Afrikanern das Anliegen der Ausstellung zu erklären. Silke Ebner entschuldigte sich im Namen des LER bei den Flüchtlingen im Heim. Als Konsequenz wurde eine Diskussionsveranstaltung über das Thema Toleranz in der »Arche« organisiert, mit Flüchtlingen und SchülerInnen. Eine Französisch-Lehrerin übersetzte. Die Veranstaltung war erfolgreich, mit einem kleinen Ergebnis. Im Sommer 1999 wurde in der Arche ein Grillfest mit Flüchtlingen organisiert, ein Resultat der vorausgehenden Diskussionsveranstaltung. Mit großem Aufwand wurden die Flüchtlinge aus Heidefeld und dem Birkenweg nach Premnitz transportiert, von den Mitarbeitern der Arche blieb eine praktische Unterstützung weitgehend aus. Ärgerlich war der einzige Kommentar eines Arche-Mitarbeiters nach der Feier, es seien Pfandflaschen in den Teich geworfen worden. Das Grillfest stellte eine neue Stufe der Unterstützung von Flüchtlingen dar.

Alibi-Veranstaltungen der RAA?

Die oft desinteressierte Haltung von RAA-Mitarbeitern zeigte sich zu verschiedenen Gelegenheiten, so als mit der RAA zusammen ein gemeinsames Sommerfest in Heidefeld organisiert wurde, weit vor 1999. Die Mitarbeiterinnen der RAA, die diese Arbeit bezahlt machten, hielten sich auffallend zurück, waren passiv. In der Presse jedoch wurde die Arbeit der RAA in den Mittelpunkt gestellt. Als Reaktion waren die Mitglieder des Begegnungskreises verärgert. Im Allgemeinen wiesen die Aktivitäten der RAA in Schulklassen eine zu geringe Frequenz und Kontinuität auf, so dass kein nachhaltiger Effekt erzielt wurde. Sie waren meist Alibi-Veranstaltungen. Von einer Erzieherin aus Kasachstan wurde berichtet, dass sie von den anderen RAA-Mitarbeiterinnen mehrmals schlecht behandelt wurde; meist sprachen sie mit ihr in Baby-Deutsch. Die Kontakte für den Freizeitreff organisierte Silke Ebner dann meist direkt mit den Migranten, so z. B. mit Tamara Hoffmann, Aussiedlerin aus Kasachstan, oder Salam Sambo und Abdel Amine aus Togo.

Zu dem Konflikt mit den Eröffnungsveranstaltungen gab es bezeichnenderweise auch keine Bemühung um Aufklärung.

Zu Organisationen wie der RAA hatten sie in Folge ein distanziertes Verhältnis. Die »Kirchenfrauen«, die die Arbeit ehrenamtlich in ihrer Freizeit machten, wollten ihre Wahrhaftigkeit bewahren.

In den Jahren 1998 und 1999 machte die Rathenower Gemeinde um Pfarrer Wolf Schöne Osterfahrten auf Fahrrädern, zusammen mit den Flüchtlingen. Im Jahr 2000 fand die Ausstellung statt, im Juni 2000 ein Grillfest. Das Manifest, das Flüchtlinge im Februar 2000 veröffentlicht hatten, in dem sie die rechte Gewalt anprangerten und ihre Verlegung in ein anderes Bundesland forderten, spielte beim Döberitzer/Premnitzer Begegnungskreis keine Rolle, dafür war das Rathenower Heim zu weit weg.

Wechsel zum Rathenower Kreis

Im Jahr 2000 wurden die Planungen zur Schließung des Heims im Heidefeld vorangetrieben. Ein Ausweichstandort wurde gesucht. Die Stadt Falkensee verweigerte die Aufnahme. Im Februar 2001 fand der Umzug der BewohnerInnen aus Heidefeld in das Heim am Birkenweg statt. Die Kirchenfrauen waren inzwischen auf drei Frauen zusammengeschrumpft, die von da an nicht mehr wurden. War der Begegnungskreis bis dahin meist mit Kindern und ihren Familien in Kontakt, so hatten sie es hier zum ersten Mal mit erwachsenen männlichen Flüchtlingen zu tun. Das Verhältnis als deutsche Frau gegenüber afrikanischen Männern war manchmal problematisch. Im Jahr 2000 nahm Silke Ebner zwei afrikanische Männer zu einem Konzert in Hohennauen mit, womit ein erster, engerer Kontakt mit männlichen Flüchtlingen hergestellt war. Silke Ebners Mann nahm einen der Afrikaner mit nach Hamburg, wo Verwandte des Afrikaners lebten.

Die drei Kirchenfrauen beschlossen, sich dem Rathenower Ökumenischen Begegnungskreis anzuschließen, was aber für eine der drei Frauen aus Zeitgründen nicht möglich war. Der Rathenower Kreis traf sich immer abends. Zu guten Zeiten, z.B. bei einer Diskussionsveranstaltung mit der Ausländerseelsorgerin Annette Flade über Wertgutscheine, bestand er aus etwa 30 Personen, zur Hälfte Deutsche, zur anderen Hälfte Flüchtlinge. Doch die Beteiligung war großen Schwankungen ausgesetzt. Auf der Seite der Flüchtlinge lag das daran, dass Flüchtlinge, die in ihrem Leben vorankommen wollten, die Provinz verlassen und nach Berlin oder in eine große Stadt in Westdeutschland gingen.

Im Sommer 2001 kam ein weiterer Schwung politisch aktiver Flüchtlinge in Rathenow an, unter ihnen Appollinaire Apetor. Bis zum Jahr 2003 hatte das Heim im Birkenweg eine solche explosive Mischung aus Flüchtlings-Aktivisten, wohl ohne Parallele in Brandenburg.

Es gab regelmäßige Treffen, die auch immer wieder eine große Resonanz hatten, wie Info-Abend über Afghanistan im Sept.2001, afrikanisch Kochen gemeinsam mit dem Mütterkreis der ev. Kirchengemeinde, Nikolaus und Fasching.

Enttäuschungen über Flüchtlinge

Auf Seiten von Silke Ebner gab es eine Reihe von Enttäuschungen über Flüchtlinge. Es war schwer verständlich, warum die Flüchtlinge sich nicht mehr gegenseitig halfen. Ein Beispiel: als ein Flüchtling im Jahr 2003 nach Togo abgeschoben wurde, gab man ihm verschiedene Papiere auf Französisch, die erklärten, wie er die Abschiebung verhindern konnte. Niemand sagte jedoch, dass der Betroffene Analphabet war. Silke Ebner hatte oft den Eindruck, dass einige Flüchtlinge ihre Beziehungen zu deutschen UnterstützerInnen wie einen persönlichen Besitz behandelten, den sie nicht mit anderen teilen wollten. Die Ausnahme war eine Reihe von Flüchtlingen, die schon in ihren Heimatländern politisch engagiert waren, die Erfahrungen mit der Organisierung von Protesten hatten. Als viele von diesen den Absprung aus Rathenow geschafft hatten, wurden die Beziehungen zwischen den deutschen UnterstützerInnen und der Mehrheit der Flüchtlinge wieder distanzierter. Zu einem sehr späten Zeitpunkt musste Silke Ebner sich sagen lassen, was sie eigentlich wolle, sie könne ja nicht wirklich helfen. Einige Flüchtlinge schienen sie wie Sozialarbeiter oder Behördenmitarbeiter wahrzunehmen. Oft erwarten sie von deutschen UnterstützerInnen, dass sie, weil sie Deutsche sind, für sie die Probleme mit Behörden lösen können. Dafür fehlt es den deutschen UnterstützerInnen jedoch meist an Zeit und Wissen.

Verhinderung einer Sammelabschiebung

Eine wichtige Aktion zur Unterstützung der Flüchtlinge war die verhinderte Abschiebung von neun Togoern im Mai 2002. Der Bundesgrenzschutz (BGS) hatte einen Termin festgesetzt, an dem sich alle »Schüblinge« am Heim einfinden sollten, um mit einem Bus zur Botschaft nach Bonn gefahren zu werden. Dort sollten sie neue Papiere erhalten, die eine Abschiebung erlaubt hätten. Zusammen mit einem Flüchtlings-Aktivisten organisierte Silke Ebner und Andreas Feser eine Protestaktion, alles sehr spontan und kurzfristig. Ein Protestaufruf wurde in die Gottesdienste gegeben. Es kam zu Kommunikationsproblemen mit Pfarrer Wolf Schöne, der zwar über die Aktion informiert war, mit dem sie aber nicht abgestimmt war. Appollinaire Apetor übte mit der Forderung nach Kirchenasyl einen gewissen Druck auf Pfarrer Wolf Schöne aus.

Widersprüche im Unterstützerkreis

Die Protestaktion vor dem Heim, als der BGS-Bus fahren sollte, war ein voller Erfolg, die Beteiligung war breit: Flüchtlinge, Mitglieder der katholischen Kirche, der evangelischen Kirche, Kreistagsabgeordnete, Antifas aus Rathenow, antirassistische AktivistInnen aus Berlin nahmen teil, etwa 50 Leute. Verschiedene UnterstützerInnen aus Rathenow nahmen die betroffenen Togoer in dieser Nacht zum Übernachten mit nach Hause. In der Folge brach der Unterstützerkreis jedoch auseinander. Einige Mitglieder des Rathenower Kirchenkreises, insbesondere der katholische Teil, fühlten sich moralisch unter Druck gesetzt, an einer politischen Aktion teilzunehmen. Sie verstanden ihre Unterstützung für Flüchtlinge primär sozial und menschlich, nicht jedoch politisch. Auch an der Forderung der Flüchtlinge nach mehr Bewegungsfreiheit, nach einer Aufhebung der Residenzpflicht, spaltete sich der Kirchenkreis, die Katholiken verließen den ökumenischen Kirchenkreis. Einige ehemalige Mitglieder rechtfertigten ihren Ausstieg mit Haltungen wie »Das Boot ist voll« oder damit, dass sie sich von den Flüchtlingen hintergangen fühlten, weil diese bestimmte persönliche Verhältnisse verschwiegen hatten.

Hier zeigten sich die Grenzen der kirchlichen Unterstützung. Die Rolle der Kirche in Bezug auf die Unterstützung von Flüchtlingen ist ambivalent: im ländlichen Raum ist die Kirche die einzige Basis für eine solche Unterstützung, die jedoch Grenzen hat, wie an den Reaktionen auf die Protestaktion gegen die Abschiebung der Togoer ablesbar.

Beratungsstelle BEGIN

Ein weiteres Projekt in den Jahren 2002 und 2003 war die Beratungsstelle BEGIN. Die Idee war, eine minimale Beratung für Flüchtlinge in Rathenow zu gewährleisten, so dass die Flüchtlinge nicht wegen jedem kleinen Problem nach Berlin fahren müssen. Es sollte wesentlich ein Selbsthilfeprojekt sein: Flüchtlinge aus dem Heim, die gut Deutsch sprachen, sollten die Beratung machen, Behördenschreiben erklären, auf Grundlage eines besseren Vertrauensverhältnisses der Flüchtlinge untereinander. Kleine Dinge, die eigentlich die Aufgabe der SozialarbeiterInnen im Heim gewesen wären, was von diesen nicht geleistet wurde. Das Projekt funktionierte nicht in dem Maße, wie es konzeptioniert war.

Der Konflikt mit der Heimleitung eskaliert

Weiter mit dem Kirchenkreis Rathenow. Dessen Aktivitäten bestanden vor allem in der Organisation bestimmter Feste mit Flüchtlingen: Faschingsfest, Osterfahrt, Weihnachtsfeier, sowie regelmäßige Treffen im Heim. Im Januar 2001 nahmen jedoch nur noch fünf Personen an den Treffen teil. Vorausgegangen war eine gescheiterte Weihnachtsveranstaltung. Mit der Heimleiterin Bärbel Pagel war es zu einem ersten Eklat gekommen. Die HeimbewohnerInnen zeigten den Mitgliedern des Kirchenkreises das Heim, Bärbel Pagel drohte mit einer Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Herr Nitsche vom Kirchenkreis bot Bärbel Pagel Hilfe an, worauf er nie eine Reaktion erhielt. Im Januar 2001, also kurz nach dem Umzug, stellte sich Silke Ebner bei Bärbel Pagel vor, mit dem Vorschlag, die Arbeit mit Kindern, die sie in Heidefeld gemacht hatten, im Birkenweg fortzusetzen. Silke Ebner hatte den Eindruck, dass Bärbel Pagel die Arbeit ehrenamtlich Engagierter als Bedrohung ihrer Autorität und ihres Regimes im Heim wahrnahm. Vermutlich befürchtete Bärbel Pagel, dass Silke Ebner gegen sie arbeiten würde.

Am Ostermontag veranstalteten sie eine große Osterfahrt auf Fahrrädern nach Bamme, mit 50 Flüchtlingen. Im Januar nahm Silke Ebner an einer Sitzung des Bündnisses »Tolerantes Rathenow« teil. Auf dieser Sitzung stellte Peter Poschmann, ein Unternehmer, ein großes Projekt vor, dass er zusammen mit der RAA verwirklichen wollte. Aus dem Projekt wurde nichts. Das Bündnis existierte noch bis weit über das Pozessende hinweg.

Umtauschaktion

Im Jahr 2001 gab es viele Aktivitäten: in der Passionszeit wurde ein Themenabend mit Flüchtlingen in der Kirche organisiert, im Oktober ein afrikanisches Essen, weiter mit einer Adventsveranstaltung, der Silke Ebner ihren Stempel aufgedrückte. Im Sommer 2001 stellte Silke Ebner die Aktivitäten mit den Kindern ein, der Schwerpunkt hatte sich ohnehin schon auf die erwachsenen Flüchtlinge verschoben. Seit Sommer 2001 kam es zu Umtauschaktionen von Wertgutscheinen, anfangs als Privatangelegenheit einzelner UnterstützerInnen. Ende 2001 organisierten Silke Ebner und Christine Z. eine Informationsveranstaltung über Wertgutscheine und deren Umtausch in der Arche in Premnitz, als Auftakt zu einer Ausweitung der Aktion. Der Plan weiterer Veranstaltungen scheiterte jedoch an Zeitmangel.

Auch in der Kirche in Döberitz engagierte sich Silke Ebner. Im Sommer 2001 organisierte sie ein neues Fest, das es bis dahin nicht gab, das »Johannesfest«, zusammen mit Flüchtlingen. Das Fest war ein Erfolg. Es wurde sich viel Mühe mit der Vorbereitung gegeben, eine Girlande wurde geflochten, auf der Feier dann Grillen, Singen und Lagerfeuer. Zweimal konnten sie dieses Fest organisieren. Allerdings scheiterte es im darauf folgenden Jahr und wurde nicht wiederholt.

Die Dorfbevölkerung von Döberitz hatte eher Distanz zu Silke Ebners Engagement für Flüchtlinge. Ihre Stellung im Dorf war ambivalent. Einerseits genoss die Familie Ebner ein relativ hohes Ansehen, vor allem, weil auf ihrem Grundstück ein inoffizieller Jugendtreffpunkt eingerichtet war, der Freizeitreff sehr anerkannt war und sie sich sehr für die Kirche, besonders für die neue Orgel, engagierten. Andererseits erregte sie Ablehnung, weil sie sich nicht der kollektiven Konformität beugte und ihre Projekte eigensinnig verfolgte.

Anzeige gegen Flüchtlingsaktivisten

Im Jahr 2002 spitzten sich die Verhältnisse im Heim am Birkenweg weiter zu. Die Kakerlaken-Plage nahm zu, die Flüchtlinge fühlten sich von den neu installierten Videokameras kontrolliert, Beschwerden über geöffnete Briefe und unangekündigte Zimmerkontrollen häuften sich. Gespräche mit Bärbel Pagel gestalteten sich schwierig. Einmal textete Bärbel Pagel Silke Ebner anderthalb Stunden zu, ohne zuzuhören. Dabei wollte Silke Ebner sie nur zu einer Sitzung des Gesprächskreises einladen. Auch weitere Mitglieder des Kirchenkreises trugen die Einladung zu einem Treffen im April oder Mai 2002 vor. Doch Bärbel Pagel sagte die Veranstaltung kurzfristig ab. Sie sei brüskiert, weil hier die Probleme des Heims in die Öffentlichkeit getragen werden sollten. Es sei unmöglich, dass sie zu einer Veranstaltung eingeladen würde, die auf dem Gelände ihres eigenen Heims stattfinden sollte. Seitdem fanden keine Veranstaltungen mehr auf dem Gelände des Heims statt.

Der Schlusspunkt von Silke Ebners Aktivitäten war ihre Aussage im Verleumdungsprozess im Sommer 2004, als Mohamad Mahmoud und Abdel Amine wegen des Protestbriefes aus dem Jahr 2002 angeklagt waren. Der Prozess endete mit einem Freispruch. Es konnte nachgewiesen werden, dass im Heim tatsächlich die Post mancher Flüchtlinge geöffnet worden war. Frau Pagel hatte in ihrer ersten Aussage offensichtlich gelogen. Der Prozess hatte dennoch eine einschüchternde Wirkung auf die HeimbewohnerInnen. Der ökumenische Kirchenkreis war auf wenige Mitglieder zusammengeschrumpft und stellte seine Aktivitäten ein.

Nachtrag

Andreas Feser, Jakob Weitzel und Silke Ebner starteten 2003 im November noch eine Versuch, monatliche Treffen im Tischtennis-Raum des Heims zu organisieren. Nicht nur die Deutschen sollten Organisator und Mitbringer sein, sondern jeder sollte sich einbringen. Das scheiterte ungefähr nach einem Jahr, u.a. wegen der unterschiedlichen Auffassungen über Hilfe, wie es schon früher deutlich wurde.

Nach dem Prozess wollte Silke Ebner immer noch nicht aufgeben, es gab noch einmal den Versuch, die Idee des BegIn wiederzubeleben. Im Dezember 2004 gab es mit Simone Tetzlaff und Christopher Nsoh einen Info-Abend zum neuen Zuwanderungsgesetz, es kamen mehr Interessierte aus Berlin, wenige aus Rathenow. Der Versuch wurde im Sommer 2005 abgebrochen.

Im ersten Halbjahr 2005 versuchte Gabriele Steidl, im Havelland einen Ausländerbeirat aufzubauen, im Sommer kam es zu einem Abschluss der Bemühungen, ohne Ergebnis.

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