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Tagebuch Isa Abubakarow

Isa, der ein Mensch sein wollte

Die Polen sperrten ihn in ein Flüchtlingslager ein. Er wurde von Polizisten, Wächtern, Ärzten, Beamten erniedrigt. Sie wollten nicht berücksichtigen, dass er dringend medizinische Behandlung brauchte. Er starb. Über den tschetschenischen Flüchtling berichtet Marcin Wojciechowski, Gazeta Wyborcza

(Bildunterschrift: Als Isa endlich aus dem Ausländerheim entlassen wurde, war er schon so krank, dass die Ärzte ihm nicht mehr helfen konnten. Er starb am 9. Oktober diesen Jahres. Auf der Aufnahme mit der Schwester Jacha und einer von ihr adoptierten Waise aus Tschetschenien, März 2004)

Aus dem Tagebuch des Isa Abubakarow
30. Januar 2006

Ich kam nach Brüssel, wo ich um Asyl nachsuchte. Mein weiterer Aufenthalt in Polen war nicht möglich, weil mein Antrag auf eine ständige Aufenthaltserlaubnis abgelehnt worden war. Vor der Ausreise war ich zum Innenministerium gegangen, um politisches Asyl zu beantragen. Eine sehr freundliche Person meinte, dass mir die Abschiebung drohte und riet mir, das Land zu verlassen.

In Belgien wurde ich sehr zivilisiert aufgenommen. Ich erhielt ein ANEX (ein vorläufiges Dokument), mir wurde ein Platz im Heim zugewiesen. Gute Behandlung, alles für die Menschen: Computer, Fitness, TV-Raum, Fahrrad, Flämischunterricht, gutes Essen, ein Sozialberater. Dazu medizinische Versorgung, eine Fahrkarte für den Nahverkehr. Ich fühlte mich als Mensch in der vollen Bedeutung dieses Wortes. Aber do chasu.
Während des Interviews (ein Gespräch mit einem Immigrationsbeamten) wird intensiv nach Spuren meines Aufenthalts in Polen gesucht. Nach einigen Versuchen erklärt sich Polen bereit, mir jede Hilfe und Schutz auf seinem Gebiet zu gewähren, entsprechend den Normen der EU. Ich gab zu, von 1998 bis 2000 in Polen studiert zu haben und früher im Westen, in den Niederlanden und Belgien, gewesen zu sein, ohne um Asyl zu bitten. Das bedeutet, dass ich entsprechend der Dublin-Konvention nach Polen als erstes sicheres Land auf meinem Weg geschickt werde, in dem ich Asyl hätte beantragen können.

Das belgische Klima kennt wohl jeder. Es ist wie der Filmtitel „Manchmal Sonne, manchmal Regen”. Zuerst dachte ich, es sei das Klima, aber mit der Zeit erkrankte ich immer schwerer. Nach einer Lungenentzündung, nach einem Verdacht auf Tuberkulose diagnostizierten die Ärzte bei mir nach gründlichen Untersuchungen zwei schwere ansteckende Krankheiten. Eine davon ist Hepatitis C. Der Beginn der Behandlung im Institut für Tropenkrankheiten (Tropical Institute) in Antwerpen wurde auf den 9. Juni festgesetzt.

30. Mai

Das letzte Interview. Ich werde für den Nachmittag bestellt. Ich denke nicht an Abschiebung, aber die Dame, die meine Sozialberaterin ist, gibt mir alle ärztlichen Atteste mit, als ob sie wüsste, dass ich abgeschoben werden soll. Aus dem Brief geht hervor, dass ich nicht abgeschoben werden kann, bevor die ärztlichen Untersuchungen abgeschlossen sind. Ich spüre, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich nehme einige Blätter zum Unterschreiben, die ich nicht unterschreibe. Ich spreche von dem ärztlichen Attest. Ich rechne damit, dass ich noch einige Tage habe.

Die Beamten informiert mich darüber, dass Polen mir jede medizinische und soziale Hilfe garantiert und ich nach Polen zurückkehren muss.

Ich bin machtlos. Ich habe keinen Rechtsanwalt. Ich werde zum Abschiebungszentrum in Brugia gebracht, das Ausreisedatum ist auf den 2. Juni festgesetzt. Mir stehen 10 Minuten Telefongespräch zu. Ich rufe die Vizepräsidentin der tschetschenischen Weltdiaspora an. Auf ihre Intervention hin wird der Ausreisetermin auf den 14. Juni verschoben.

Ich erhalte die Telefonnummer eines kostenlosen Rechtsanwalts, dem es nicht darauf ankommt, weil er sein Honorar so oder so bekommt. Ich kann aber keinen Kontakt zu ihm aufnehmen. Ich werde nervös. Nach einigen Tagen erscheint ein Assistent des Anwalts – erst nachdem ich gedroht habe, einen anderen zu nehmen. Er ist schlimmer als die Immigrationsbeamten. Er will so viel Informationen wie möglich von mir bekommen. Der Anwalt nimmt mir die ärztlichen Analysen ab. Die Zeit fliegt, nichts ändert sich.
Über das Abschiebungszentrum selbst kann ich nicht klagen. Wie üblich alles für die Menschen. Sogar die Wächter sind so höflich, dass ich mich nicht wie in einem Flüchtlingslager fühle. Der Arzt sagt, dass er sich bemüht, mir zu helfen, obwohl er nicht viel tun kann. Der früheste Termin, den er für mich bei einem Facharzt vereinbaren kann, ist der 17. Juni. Die Ausreise ist am 14. Juni. Es ist hoffnungslos. Befreundete Wächter raten mir heimlich, dass ich beim ersten Abschiebungsversuch auf dem Flughafen den Abflug verweigern kann. Auf diese Weise werde ich etwas Zeit gewinnen.

14. Juni

Der Wächter erklärt sehr behutsam, dass ich schon fahren muss, dass es ihm sehr unangenehm ist, aber die Politik ist so und nicht anders. Wie mir geraten wurde, verweigere ich auf dem Flughafen die Abschiebung. Schnell werden die Formalitäten erledigt und ich werde zum Zentrum in Brugia zurückgeschickt. Die Ärzte beginnen, mich für den nächsten Flug vorzubereiten. Ich bin zum Facharzt gegangen, der mir nach der Untersuchung riet, mich sofort behandeln zu lassen.

19. Juni

Wieder werde ich zum Flughafen gebracht. Es ist ein bewachter Transport, aber die Höflichkeit lässt die Wächter nicht für eine Minute im Stich, wovon ich wirklich begeistert bin. Der Arzt hat einen besonderen Medikamentenbehälter für den Flug zurechtgemacht, hat ein Antibiotikum eingepackt und geschrieben „Need treatment in Poland” (Behandlung in Polen notwendig). Die letzte Tablette habe ich von einem Polizisten im Flugzeug nach dem Frühstück bekommen.

Etwa um 8 Uhr morgens wurde ich dem polnischen Grenzschutz übergeben. Die Medikamente wurden mir abgenommen. Die Zeit vergeht. Ich verlange die Medikamente. Null Reaktion. Ich fange an, Krawall zu schlagen. Nach langer Zeit werde ich in Handschellen über den ganzen Flughafen geleitet. Die Leute starren mich an wie einen Terroristen, dem es nicht gelungen ist, das Flugzeug zu besteigen.

Der Arzt bagatellisiert die Analysen aus Belgien. Er misst den Blutdruck und behauptet, ich bräuchte die Medikamente nicht. Ich füge mich, weil niemand mir zuhört. Das erste Mal im Leben bin ich in einer Situation, in der ich so erniedrigend behandelt werde. Ein Vernehmender, der so tut, als wolle er mir helfen, schickt mich für 48 Stunden in ein Lager – ich kann es nicht anders nennen – in der Umgebung von Okęcie.

Zum ersten Mal erinnert man mich daran, dass ich kein Mensch bin, sondern ein Tschetschene. Ein Krimineller und kein Ausländer. Es zeigt sich, dass in einem demokratischen Staat Platz für rassistische Bemerkungen und kommunistische Behandlung ist. Nach allem außer der Gesundheit befragt, gezwungen, mich nackt auszuziehen und mich vor ihnen hinzuhocken, werde ich schließlich in die Zelle gebracht. Dort bringt ein Polizist mir eine graue Decke und wirft sie vor die Tür. Auf die Frage, wo das Kopfkissen und das Laken sind, knurrt er: „Eine Decke reicht ja wohl, oder?” Ich antwortete, dass ich kein Tier sei. „Einem Tier gibt man Heu und eine Hütte, und du hast eine Decke”, erwiderte er.

Die 48 Stunden in der Zelle waren wie 48 Jahre. Ich musste um alles bitten – um den Toilettengang, den Spaziergang, sogar um Erlaubnis, mir eine Zigarette anzuzünden.

Am nächsten Morgen wurden etwas Graubrot, Butter, die ausreicht, um die halbe Schnitte zu bestreichen, und gefärbtes Wasser in die Zelle geworfen. Es gab keinen Spaziergang, ich saß da. Zum Mittagessen wurde ich angewiesen, aus der Zelle zu gehen und es selbst abzuholen. Als ich sah, was für mich zubereitet war, erstarrte ich. Die junge Wärterin schrie: „Was glotzt du so? nimm es und hau ab!” Ich schimpfte mit ihr – mit welchem Recht sprach sie so mit einer älteren Person? Ich beschimpfte sie als Rotznase und Scheißerin, fragte, wer sie zu so einem Flegel erzogen hätte und sagte, sie sollte nicht mit Menschen arbeiten. Sie antwortete, dass ich Probleme bekommen würde und begann, mir zu drohen.

Ich nehme das Essen und gehe in die Zelle. Nach einer Weile kommt der diensthabende Beamte in die Zelle, droht, dass er mir die Suppe über den Kopf gießen wird. Er hebt die Hand, als wolle er mich schlagen.
„Versuch es bloß. Ich kenne meine Rechte”, sage ich.

Er zögerte und antwortete „Tanten schlage ich nicht”.

Zur Strafe werden mir der Spaziergang und das Rauchen verboten.

Die 48 Stunden vergehen. Wieder kehre ich zum Flughafen zurück. Ich werde in eine kleine Zelle gesperrt, in der es nichts gibt, wo man sich hinlegen kann. Wieder der Kampf um das Essen, das Rauchen, die nicht enden wollenden Formalitäten. Am Nachmittag werde ich zum Gericht gebracht. Nachdem ein kurzer Text verlesen wurde, den mein Pseudofreund vom Grenzschutz vorbereitet hat, verkündet das Gericht die Entscheidung. Ich muss im Abschiebungsgewahrsam für Ausländer in Lesznowola bleiben. Es ist für Menschen bestimmt, die während ihres Aufenthalts in Polen gegen Gesetze verstoßen haben – z.B. illegaler Grenzübertritt wie bei mir. Das Gericht berücksichtigt nicht, dass ich in Warschau eine Schwester habe, bei der ich bis zur Entscheidung des Amtes für Repatriierung und Ausländer über meinen Antrag auf Flüchtlingsstatus wohnen kann. Es lässt auch außer Acht, dass ich während meines 14-jährigen Aufenthalts in Polen nicht gegen Gesetze verstoßen habe.

Ohne Datum

Wieder kann ich mich davon überzeugen, dass man Menschen schlechter als Tiere behandeln kann. Wieder zerwühlen sie meine Taschen, obwohl sie schon vor der Abfahrt zum Flughafen durchsucht wurden. Mir wird ein Platz in einem Zimmer zugewiesen. Sie ordnen an, die schwere lederne Matratze nach oben zu ziehen. Ich bin geschwächt. Zum Glück helfen mir Landleute. Ich erhalte die Registernummer 207/06.

Am nächsten Tag der Arztbesuch, den ich von Anfang an verlangt habe. Der Arzt ist nicht da. Die Krankenschwester misst meinen Blutdruck und notiert die von den Ärzten in Belgien diagnostizierten Krankheiten, die ich ihr nenne. Sie sagt mir, ich solle am Nachmittag kommen, wenn der Arzt da ist. 14 Uhr. Der Arzt steht nicht auf meiner Seite. Ich spreche von den Medikamenten. Er missachtet mich. Ich spreche von meinem Befinden. Von seiner Seite keine Reaktion, keine Frage nach der Hepatitis.

29. Juni

Die Zeit vergeht. Ich beachte die rassistisch-faschistischen Bemerkungen nicht mehr. Der bittere Kelch des Leidens wird übervoll, als mir beim Essen, das ohnehin kaum zu schlucken ist, etwas im Hals stecken bleibt. Ich kann es weder hervorwürgen noch den Speichel schlucken. Ich verlangte einen Arzt. Sie melden es nicht. Es vergehen drei, vier Stunden. Ich quäle mich. Ich rufe meine Schwester in Warschau an, damit sie mich rettet. Meine Schwester ruft die Bereitschaft an, der das Lager untersteht. Die Bereitschaft antwortet, dass sie hinausfahren kann, dass das aber sinnlos ist, weil sie ohne einen Anruf aus dem Lager nicht in das Lager hineingelassen werden, weil es schließlich ein Gefängnis sei. Mein Zustand verschlechtert sich.

Sieben Stunden nach der Intervention meiner Schwester werde ich mit der Funkstreife zum Krankenhaus in Grójec gefahren, von wo ich in das Fachkrankenhaus der Wojewodschaft in Radom eingewiesen werde. Nach einer Röntgenaufnahme wird nachts ein Eingriff vorgenommen. Diagnose: ein Fremdkörper in der Speiseröhre.
Am nächsten Tag Diät – nur Flüssigkeit und Infusionen. Nach sechs Tagen Krankenhausaufenthalt werde ich wieder mit der Funkstreife ins Lager gebracht. Die Außentemperatur beträgt 29 Grad. Nach meinem Gefühl sind es 40 Grad.

Der Arzt ist nicht an einem Treffen mit mir interessiert. Niemand achtet darauf, dass ich Diät essen soll. Die Tage vergehen. Ich beschließe, zum letzten Mal um mein Recht, ein Mensch zu sein, zu kämpfen. Ich gehe zum Arzt mit allen Untersuchungen, die in Belgien gemacht wurden. Ich hatte sie früher nicht gezeigt, weil die Tatsache, dass ich krank war, gemeldet worden war.

7. Juli

Ich habe immer mehr Fieber. Ich bitte darum, mir die Antibiotika aus Belgien zu geben. Der Arzt sieht die Untersuchungen durch und fragt mich, was da steht. Ich antworte: Sie sind schließlich Arzt, sie müssen Latein können. Das bewirkt, dass die Einstellung des Arztes zu mir noch schlechter wird. Wieder bleibe ich mit meiner Krankheit allein.

Mein Zustand verschlechtert sich. Ich zittere und habe fast 40 Grad Fieber. Ich melde das den Polizisten. Sie sagen, dass sie den diensthabenden Offizier verständigen werden. Sie weisen mich an, am nächsten Morgen zum Arztzimmer zu kommen. Die Mitinsassen versuchen, meine Temperatur zu senken, aber kalte Umschläge auf der Stirn helfen nicht.

Ich bitte um fiebersenkende Tabletten. Die Polizisten beginnen mit mir zu handeln – geben wir sie oder nicht? Schließlich bringt der Offizier zwei Tabletten Codipar. Mein Zustand wird nicht besser. Der Samstag und der Sonntag vergehen. Ich kämpfe um fiebersenkende Tabletten. Am Wochenende sind weder der Arzt noch die Krankenschwester da. Ich verlange nichts, nur Tabletten.

Weil das Fieber nicht sinkt, werde ich in das Krankenhaus in Grójec gebracht. Hier wird mir Blut abgenommen und die Lungen durchleuchtet. Ein Polizist hält mich in Handschellen, spricht mit mir wie mit einem Hund, schubst mich. Der Arzt interessiert sich mehr für den Tod von Basajew als für meine Krankheit. Er sagt, dass der Arzt im Lager mir alles sagen wird.

Wir kehren nach Lesznowola zurück. Am nächsten Morgen wird mir wieder Blut abgenommen. Endlich wird festgestellt, dass ich Hepatitis habe, was ich ihnen von Anfang an zu erklären versucht habe. Die Polizisten und Wärter sind schockiert. Es entsteht eine Panik, dass im Lager eine Epidemie herrscht. Ich werde in die Isolationszelle verlegt, demonstrativ werden in meiner Gegenwart Gummihandschuhe angezogen, sie schließen die Tür hinter mir ab, die Mitarbeiter sind in Panik, dass ich sie anstecke. Ich verlange, den Leiter zu sehen. Sie sagen mir, dass ich in dieser Angelegenheit einen Antrag schreiben muss. Ich frage, auf welcher Grundlage ich eingeschlossen wurde. Sie antworten, dass sie wegen meiner Krankheit meine Kontakte einschränken müssen.

Im Lager geht eine Desinfektion vor sich. Ich bekomme fiebersenkende Mittel und Antibiotika. Eines Tages gibt mir die Krankenschwester einen Vorrat für vier Tage und sagt, dass sie in Urlaub geht und niemand da sein wird.

Nach einigen Tagen werde ich in das Krankenhaus in Kozienice in die Infektionsstation gebracht. Vor der Abfahrt soll ich das Laken zusammenlegen und die Matratze herunterbringen. Der technische Mitarbeiter steht daneben, verspottet mich, sagt, wie ich das Laken zusammenlegen soll. Ich entrüstete mich und warf ihm alles vor die Füße. Schließlich bekommt er Geld dafür und nicht ich.

In der Station erscheinen eine sehr kultivierte Ärztin und eine höfliche Krankenschwester. Eine ganz andere Welt. Ich fragte, warum ich hierher gebracht worden sei. Die Ärztin antwortet, dass sie das Fieber bekämpfen werden und dass sie dafür zwei Tage haben. Darauf ich, dass ich andere Krankheiten habe und zwei Tage nicht reichen. Aber sie sagt, dass sie das hier nicht behandeln und sie nichts von meinen Krankheiten wüsste. Ich bitte, mich in das Lager zu bringen. Wieder bin ich in der Isolationszelle. Sie schließen hinter mir ab. Ich protestierte nicht, ich bin schwach.

Am Morgen muss ich darum kämpfen, dass man mich ins Bad lässt. Ich möchte an der frischen Luft spazieren gehen. Der Polizist ist nicht einverstanden.

16.07.
Beschwerde an den Leiter des geschlossenen Lagers Lesznowola:

„Ich möchte Herrn Leiter höfflichst informieren, dass eine Küchenangestellte des Heims, die heute das Mittagessen ausgegeben hatte, mich und meine Religion erniedrigte, obwohl sie wusste, dass ich Moslem bin. Sie machte sich über mich lustig und fragte: „Magst Du Suppe mit „schweinischem” Fleisch oder ohne?”. Ich antwortete ihr, dass es nicht „schweinisches Fleisch”, sondern „Schweinefleisch” heißen soll. Sie schleuderte mir dann ein „Schwein” entgegen, was ich als eine besondere Beleidigung auffasste. Ich antwortete ihr, dass so ein „Schwein” wie sie nicht mit Menschen unterschiedlicher Konfessionen arbeiten dürfte. Verachtung und Verspottung anderer Religionen sei eine Straftat. Solche Situationen kommen öfter vor. Im Heim wird den Moslems vorsätzlich Schweinefleisch zum Essen gegeben, erst später werden sie darüber informiert und verspottet. Ich bitte Sie darum, mehr Respekt für die Religion einzubringen und das Küchenpersonal zurecht zu weisen. Vielen herzlichen Dank.

P.S. Bei Bedarf kann ich Unterschriften der Menschen sammeln, denen die gleiche Behandlung widerfahren ist.”

17.07.

Ohne Ereignisse. Ein einsamer Spaziergang in der Frühe. Die Krankenschwester bringt die letzten Antibiotika. Ich habe mit dem Roten Kreuz Kontakt aufgenommen, einige Beschwerden an den Heimleiter und den Leiter des Innenministeriums geschrieben. Mir wurde geantwortet, dass die Beschwerden zur Ansicht an die Polizeiabteilung der Wojwodschaft in Radom geleitet worden seien. Es gibt Hoffung.

Ich habe keine Ahnung, was vorgeht: Das Mittagessen wurde vornehm serviert, wie für einen Menschen. Man hat sogar eine Gabel gebracht. Wahrscheinlich ist jemand von der Leitung zu Besuch. Ich frage mich, warum man mir in meine Isolierzelle einen Nachbar zugeteilt hat, wo ich doch für andere eine Gefahr darstelle. Oder ist er vielleicht nicht Mensch genug, weil er ein Zigeuner ist, zudem aus Kaliningrad? Wenn ich nachfrage, bekomme ich ständig zu hören, dass man mich nicht immer ins Krankenhaus bringen könne, weil das Budget des Innenministeriums bescheiden sei. Ein anderer Polizist sagte, ich soll mir nicht noch mehr Feinde machen.

Verstorben nach Entlassung

Isa Abubakarow, geboren am 14.12.1966 in Tschetschenien, kam vor vierzehn Jahren nach Polen, zwei Jahre vor dem Ausbruch des 1. Krieges in Tschetschenien. Er wollte nicht in Russland leben, es zog ihn in die Welt auf der Suche nach einem besseren Leben. Zur damaligen Zeit gab es einmal die Woche einen Bus aus Grosny nach Warschau, mit dem überwiegend Händler gefahren sind.

Isa bemühte sich um einen ständigen Aufenthalt in Polen. Einige Jahre lebte und arbeitete er schwarz. Eine Zeitlang fand er die Zuflucht im Keller des Sejmsrestaurants. Sehr lange zögerte er, einen Asylantrag zu stellen. Er betonte, dass er kein Flüchtling sei, sondern in unserem Land einfach leben möchte. Er stellte Anträge für die Erteilung eines Aufenthaltserlaubnisses, sie wurden abgelehnt, dann legte er dagegen einen Widerspruch ein. Dann ging alles vom Neuen los. Vor einigen Jahren konnte er so weiter leben, ohne das Gesetz zu verletzen, da es zwischen Polen vor seinem EU-Beitritt und Russland einen visumfreien Verkehr gegeben hatte. Es genügte, alle drei Monate die Grenze zu Weißrussland zu passieren und kurz darauf wieder legal für die nächsten drei Monate nach Polen zurück zu kehren.

Er wohnte in Warschau, lernte gut Polnisch, hatte viele polnische Freunde. Er arbeitete als Masseur, vor einigen Jahren absolvierte er eine spezielle Massageschule bei einem Reha-Zentrum in Konstantin. Er war stolz darauf, in Polen ausgebildet worden zu sein.

Als der Krieg in Tschetschenien ausbrach, musste er einsehen, dass es dort keinen Ort gibt, wohin er zurückkehren könnte. Er stellte einen Asylantrag in Polen und wurde abgelehnt: Man bezog sich auf seine früheren Aussagen, dass er nicht als Flüchtling nach Polen gekommen sei. Wenn der Krieg in Tschetschenien sich etwas legte, fuhr Isa dorthin, z.B. zum Begräbnis seiner Eltern. Dadurch fühlten sich die polnischen Beamten in ihrer Meinung bestätigt, dass er keinen Flüchtlingsstatus verdiene. Seine weiteren Beschwerden wurden abgewiesen.

Vor dem Ende des letzten Jahres erfuhr Isa davon, dass er abgeschoben werden würde, falls er Polen nicht freiwillig verlässt. Verzweifelt reiste er mit dem Pass eines Freundes nach Belgien aus. Das war eine Gesetzesübertretung. In Belgien entschloss er sich dazu, einen Asylantrag zu stellen und wollte sich mit seiner Schwester zusammen ziehen. Die Schwester, die ihren Mann im Krieg verloren hatte, wurde in Polen anerkannt. Sie lebt in Warschau, arbeitet, erzieht alleine ein Kriegsweisenkind aus Tschetschenien, die Tochter ihres und Isas Bruders, der im Krieg umkam. Im letzten Jahr begann das Kind Isa mit „Papa” anzusprechen. Im Juli wurde Isa aus Belgien nach Polen aufgrund der Dublin-Verordnung abgeschoben. Vor der Abschiebung waren bei ihm eine schwere Hepatitis-Form und ein Verdacht auf Tuberkulose diagnostiziert worden. Es wurde festgestellt, dass er dringend behandelt werden soll. In Polen wurde er in das Flüchtlingsheim in Lesznowola eingewiesen, das nicht dem URiC, wie die Mehrheit der Heime, sondern der Polizeiabteilung der Wojwodschaft in Radon unterstellt ist.

„Ich wundere mich, dass die Belgier einen Menschen in so einem schweren Zustand überhaupt aus dem Land rausgelassen haben”, – sagt Jan Wegrzyn, Leiter des URiC. Gefragt nach skandalösen Umständen in polnischen Flüchtlingsheimen, breitet er die Arme aus – Lesznowola unterliegt nicht der Zuständigkeit des URiC.

Isa verfasste Klagen, Beschwerden, bestand auf sein Recht. Endlich wurde er Ende Juli letzten Jahres aus Lesznowola entlassen. Danach wohnte er bei seiner Schwester in Warschau. Jedoch war er schon derart krank, dass die Ärzte ihm nicht mehr helfen konnten. Vielleicht wollten sie es auch nicht besonders stark. Einige der von der Familie gerufenen Notfallteams benahmen sich beinah wie die Wächter in Lesznowola.

Isa verstarb am 9.10. im Infektionskrankenhaus in der Wolska-Straße. Ein Tag zuvor hatte ein Konzert „Frieden für Tschetschenien” stattgefunden, das auf TVP übertragen wurde. Isa wollte zum Konzert gehen, er kaufte sich einen neuen Anzug und ein Hemd.

„Nach seinem Tod habe ich seine Akte angesehen, – sagt Wegrzyn, – Er hatte eine große Chance, wenn nicht Anerkennung, so doch einen tolerierten Status zu bekommen”.

In einem Brief ans URiC, geschrieben einige Wochen vor seinem Tod, bat Isa um eine schnellere Entscheidung über seinen Antrag aufgrund seines Gesundheitszustandes. Es fehlten ihm buchstäblich Tage, vielleicht Wochen. „Es ist so passiert, weil Isa nicht wusste, wie man bittet, bettelt. Er war stolz, stand aufrecht”, – sagt eine seiner polnischen Bekannten. Schwester Jacha: „Die ersten zwei Jahre nach meiner Ankunft in Polen lebte ich im Flüchtlingsheim in Dembak. Ich habe Isa von den Bedingungen dort erzählt, ihm über die Probleme mit der medizinischen Versorgung berichtet. Er wollte mir nicht glauben, sagte, dass Polen anders sei. Später musste er es auf eigener Haut erfahren”.

Isa schrieb Beschwerden über den Umgang in Lesznowola an alle möglichen Stellen: ans Innenministerium, den Heimleiter, ans Rote Kreuz, den UNHCR. Das Innenministerium leitete die Beschwerden an die Polizei der Wojwodschaft in Radom weiter. Ich fragte den Polizeivertreter Januar Majewskij, was aus der Angelegenheit geworden sei, ob jemand vom Heimpersonal bestraft worden sei. Er versprach mir, der Frage nachzugehen. Bis zum Erscheinen dieses Artikels ist es ihm nicht gelungen, das Rapport zu bekommen. Inoffiziell sagte er mir, dass die Mehrheit Isas Beschwerden sich nicht bestätigt habe.

Isas Freunde finanzierten die Überführung seiner Leiche nach Russland, Isa wurde in Grosny begraben. Es war nicht leicht, den Konsul der RF davon zu überzeugen, die nötigen Formalitäten für den Transport des Sarges aus dem Ausland zu erledigen, aber es hat geklappt. Die Heimat, der Isa entflohen war, um zu leben, nahm ihn nach seinem Tod auf.

Marain Wojciechowski

Ich bedanke mich bei Isas Verwandten und Freunden dafür, dass sie mit der Verwendung seiner Erinnerungen einverstanden waren.

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